Der perfekte Jugendschutz für alle

Der Beitrag wurde am 26. Mai 2007 von Oliver veröffentlicht

Noch einmal das Thema Jugendschutz. Ich habe gestern noch einige E-Mails, die sich auf diesen Beitrag bezogen, erhalten. Darin ging es hauptsächlich darum, dass wir Anbieter am liebsten die Verantwortung ganz von uns abschütteln würden und das auch zum Teil durch Auswanderung tun. Das sehe ich natürlich anders. Wie sieht heute die Realität aus und was ist “Face 2 Face” überhaupt? Ich versuche es mal ganz einfach zu erklären. Der Gesetzgeber verlangt, dass der Anbieter durch “technische Maßnahmen sicherstellen muss, dass es nur einer geschlossenen Benutzergruppe möglich ist, auf jugendgefährdende Inhalte zuzugreifen”. Da steht also erstmal nichts von “Face 2 Face”. Diese Forderung kommt von der KJM. Die setzt voraus, dass man als Online-Anbieter seine User mit der gleichen Sorgfalt kontrolliert, wie es auch z.B. in einer Offline-Videothek der Fall wäre. Der Anbieter muss den Kunden also persönlich auf seine Volljährigkeit kontrollieren und danach bei jeder Nutzung durch weitere technische Maßnahmen sicherstellen, dass es sich auch immer um den geprüften Nutzer handelt, der da auf das Angebot zugreift. In der Praxis sieht das dann so aus, dass sich ein Kunde registriert und dann zunächst einige Tage warten muss, bis der Postbote zu ihm kommt. Mit dem wird dann ein Post-Ident durchgeführt (Kunde muss sich vor dem Postboten ausweisen, etc.). Dieses Post-Ident geht dann an den Anbieter zurück. Der Kunde ist damit verifiziert. Jetzt schickt man dem Kunden eine TAN-Liste, Username und Passwort als persönliches Einschreiben. Die Zugangsdaten muss er zukünftig bei jedem Nutzungsvorgang nutzen. Der Prozess ist also so wie beim Online-Banking. Impulskäufe sind damit so gut wie ausgeschlossen. Es gibt zwar mittlerweile auch andere Möglichkeiten (wie z.B. der Qbit der Schufa Holding, etc.), jedoch ist ein sofortiger Zugang wie damals nicht mehr möglich. Damals war der Persocheck mit zusätzlichen Merkmalen (Amtskennzahl, Postleitzahl und / oder Kontobewegung)akzeptiert, was ja heute nicht mehr der Fall ist.

Was hat sich seit der Einführung von “F2F” geändert? Nun, viele Firmen sind bereits komplett ins benachbarte Ausland verschwunden (auch Größen wie Beate Uhse, etc.) und die Welle reißt auch nicht ab. Das sich in Deutschland ansässige Firmen da auf den Schlips getreten oder benachteiligt fühlen, ist durchaus verständlich. Dass man aber deshalb auf andere Firmen losgeht, kann ich wiederum nicht verstehen. Wie sagt man doch so schön? “Don’t hate the player, hate the game!” Statt seine Resourcen in einem sinnlosen Kampf zu vergeuden, kann man sich auch immer noch zusammenschließen und lieber gemeinsam etwas an der Situation ändern (siehe 184c.de). Voraussetzung ist natürlich, dass man wirklich etwas an der Situation ändern möchte und nicht nur die Konkurrenz aus dem Weg schaffen möchte. “Für Jugendschutz” zu sein heißt noch lange nicht “für den aktuellen Jugendschutz” zu sein. Und “gegen den aktuellen Jugendschutz” zu sein bedeutet noch lange nicht, dass man “gegen Jugendschutz” im Allgemeinen ist. Aktuell gibt es nämlich keinen Jugendschutz sondern lediglich Zensur und Benachteiligung. Ein sinnvoller Jugendschutz ist nicht auf ein Land begrenzt und schließt nicht die Gesellschaft und die Eltern aus. Warum ich das aktuelle Modell nicht als Jugendschutz sehe ist schnell erklärt:

Das momentan praktizierte Modell schreckt Kunden ab und treibt Anbieter ins Ausland. Natürlich spielen dabei Umsätze eine große Rolle, schließlich möchte man ja auch irgendwie leben. Das die Anbieter ins Ausland abwandern, ist der KJM z.B. relativ egal. Man hat ja seine Aufgabe mit den Vorgaben “erledigt”. Die Anbieter, die nun aus Deutschland ins Ausland gegangen sind, halten sich natürlich nicht mehr an die deutschen Regeln. Warum auch? Folglich wird es auch vermehrt ungeschützte Inhalte für Deutsche geben, die halt nur nicht mehr aus Deutschland kommen, auf die jedoch jeder Deutsche zugreifen kann. Die Kunden, die jetzt im Ausland kaufen, haben vorher hier im Inland zu den akzeptablen Bedingungen gekauft. Viele davon erkennen doch erst jetzt, dass es da draußen Hunderttausende von Sites gibt, die viel mehr für viel weniger Kontrolle bieten. Kunden sind nicht dumm. Der “Jugendschutz” führt sich also selbst ins Abseits. Das die wenigen deutschen Anbieter dabei ins Rotieren kommen, weil ihnen die Kunden weglaufen, ist doch klar. Trotzdem ist es falsch, auf die, die ins Ausland gegangen sind, seinen persönlichen Frust abzuladen.

Viele Leute fragen mich immer, wie der “perfekte Jugendschutz” für mich aussehen würde. Für mich wäre folgendes Modell unschlagbar: Deutschland würde zum Persocheck mit zusätzlichen Merkmalen zurückkehren und F2F als gescheitert begraben. Damit würden sicher schon mal einige Anbieter zurückkehren und wieder nach den deutschen Regeln arbeiten. Im nächsten Schritt würde ich Filterprogramme wie ICRA für Websites gesetzlich vorschreiben. Danach würde ich die entsprechende Filtersoftware für die PCs ebenfalls gesetzlich vorschreiben. Es wäre kein Problem, neue PCs direkt mit dieser Software auszustatten. Die Filterung könnten die Eltern selber regeln oder auch abschalten. Dann würde ich statt viel Geld in eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wie jugendschutz.net zu stecken, dieses Geld in die Aufklärung der Eltern pumpen, damit diesen klar gemacht wird, wie sie ihre Kinder effektiv schützen können. Möglichkeiten gibt es ja genug. Dann müsste etwas auf EU-Ebene folgen. Man müsste sehen, dass man die gleichen Vorgaben für alle Mitgliedsländer etabliert bekommt. Das ist zwar utopisch, trotzdem wäre es nötig. Man muss sich da oben auch darüber bewusst werden, dass das Internet nun mal international ist und man es nicht durch lokale Verbote kontrollieren kann.

Eigentlich ist diese Thematik so umfangreich, dass man mit Sicherheit zehn Bücher darüber schreiben könnte. Jeder hat seine Meinung und seinen Standpunkt. Das war mein Senf dazu.

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6 Kommentare »

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  1. Gravatar of Maurice

    Kommentar von Maurice vom 26.5.2007

    Kann dem nur zustimmen. Bis auf einen Punkt:
    Man sollte die Bundesebene vergessen und direkt
    Eu-Recht anstreben.

  2. Gravatar of Jonathan

    Kommentar von Jonathan vom 26.5.2007

    Den “perfekten” Jugendschutz gibt es nicht, und den wird es auch nicht in naher Zukunft geben.

    Allerdings sollte wirklich lieber in die Aufklärung investiert werden. Gibt ja genug Software die solche Angebote blockt. Bestimmt auch gratis.

    Grüße

  3. Gravatar of newcomer

    Kommentar von newcomer vom 28.5.2007

    Im nächsten Schritt würde ich Filterprogramme wie ICRA für Websites gesetzlich vorschreiben

    ist das nicht eh schon der Fall zumindest sind bei mir alle Seiten gelabelt.

    Der Rest Deiner Vorschläge ist Logisch und wäre für jeden normal denkenden Menschen nachvollziehbar. Aber der Schritt wird sicher nicht kommen. Wobei ja der eigentliche Auftrag der KJM wäre ein geignetes Filtersystem zu ermitteln und dieses zuzulassen. Der Auftrag wird halt leider nicht erfüllt.

    Das Thema Aufklärung der Eltern wäre wirklich wichtig da diese grösstenteils gar keine Kenntniss möglicher Schutzfilter haben. Hier könnten aber auch wir als Branche Aufklärung betreiben. Statt wie bisher irgendwelche Links zu ICRA und anderen Englischsprachigen Seiten zu setzen eben eine Deutschsprachige Anleitung zu Schutzfiltern bereitstellen.

  4. Gravatar of Maurice

    Kommentar von Maurice vom 28.5.2007

    @newcomer:

    ist nicht vorgeschrieben. Derzeit läuft lediglich ein Modellversuch mit Filtern zu arbeiten.
    Allerdings scheint es aktuell eher als würde dieser Test scheitern, zumindest laut KJM.
    Jene hat nämlich kürzlich in ihrem “Labor” (das ist deren original Ballaballa-Formulierung) festgestellt, dass man auch mit den gängigen Filtern noch ausreichend / zu viel Hardcore zu sehen bekommt.

    Das mit der deutschsprachigen Anleitung und Aufforderung zur Filterverwendung find ich gut und notier mir das mal in meiner “Agenda”.

  5. Gravatar of Pascal

    Kommentar von Pascal vom 30.5.2007

    Ich bekomme so langsam das grübeln wenn ich die Vereine wie js.net und co. beobachte…

    Mal sehen wann Deutschland versucht seine tolle “Jugendschutzpolitik” EU-weit durchzusetzen. Da sind die sicher wieder mal sehr kreativ. Hauptsache die Verantwortung liegt nicht mehr beim Bund und den Eltern… Wer Pornos will, bekommt sie, ob nun auf einer deutschen oder ausländischen Site…

  6. Gravatar of ksteffen38

    Kommentar von ksteffen38 vom 21.8.2007

    Vorallem sollte man aufhören,deutsche Suchmaschinen zu zensieren!Was soll dieser Quatsch?Am schlimmsten ist msn.de

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